Herrenberg

Der „Volksgemeinschaft e.V.“ – ein Modellprojekt von „Die Rechte“

Der Herrenberger Nazitreffpunkt „Volksgemeinschaft e.V.“ ist mehr als ein Billardraum Erfurter Nazihooligans. Warum es ein Problem darstellt, dass dort auch Schüler*innen von der gegenüber gelegenen Gemeinschaftsschule 4 ihre Freizeit verbringen und wodurch sich die bundeseite Bedeutung des Projekts ergibt, soll im Folgenden illustriert werden.

Der Verein ist eng verknüpft mit dem Thüringer Landesverband der faschistischen Partei „Die Rechte. Die enge Verknüpfung vom Verein Volksgemeinschaft mit Die Rechte zeigt sich u.a. am Bundesparteitag, der am 10.12.2016 in den Räumlichkeiten am Herrenberg organisiert wurde. Sprecher auf diesem Parteitag beim Volksgemeinschaft e.V. war unter anderem Christian Worch, der seit den 1990er Jahren ein Kader innerhalb militanter Neonazi-Netzwerke und Kameradschaften ist.

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Bild: Worch in den Räumen der Volksgemeinschaft e.V.

Christian Worch entwickelte in den 1990er Jahren als radikale Alternative zu NPD, DVU usw. die neonazistischen Kameradschaften. In diesem Zusammenhang stand auch seine Unterstützung der Thüringer Naziszene Mitte der 1990er, wo er beim Aufbau des „Thüringer Heimatschutzes“ mithalf, aus dem das NSU-Terrornetzwerk hervorging. So sagte der ehemalige V-Mann des Verfassungsschutzes und Helfer des NSU, Tino Brandt, im Jahr 1994 aus, dass Worch „alle Aktionen in Thüringen steuert[e]“ (vgl. Aust/Laabs, „Heimatschutz“, S. 107.). Auch heute zeigt sich Worchs Partei Die Rechte solidarisch mit den Angeklagten NSU-TerroristInnen, indem sie am 3. März 2016 vor dem Münchener Oberlandesgericht eine Kundgebung organisierte, in deren Rahmen sie den Jenaer Angeklagten Ralf Wohlleben als „Held“ bezeichnete und alle inhaftierten Angeklagten des NSU als „politische Gefangene“ bezeichnete.

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Bild 2: Kundgebung von „Die Rechte“ vor dem Oberlandesgericht München am 3.3.2016

Als im Herbst 2015 die Bayerische Polizei im Raum Bamberg Mitglieder einer Terrorzelle verhaftete, befanden sich auch Parteimitglieder von „Die Rechte“ darunter. Der Bundesvorsitzende von Die Rechte, Christian Worch, ließ sich nach den Festnahmen anstelle einer Distanzierung von der FAZ mit den Worten zitieren: „Da werden seit Ewigkeiten die Grundregeln der Konspiration missachtet“ (FAZ v. 23.10.2015). Worch bezog schon immer Stellung für einen militanten Straßenkampf und versucht sich regelmäßig an neuen Organisationsstrukturen, die dies befördern sollen.

Dass Christian Worch an seinem Einfluss auf die Nazis im Erfurter Süden viel gelegen ist, zeigt auch seine Präsenz auf dem Aufmarsch von Die Rechte am 1.7.2017 in Erfurt. Obwohl kaum mehr als 40 Nazis in der Landeshauptstadt zusammenkamen, trat der laut Berichten dauerhaft erkrankte Worch die Reise aus Hamburg nach Erfurt an.

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Bild: Christian Worch am 1.7.2017 mit den Weimarer Nazis Kevin Armstroff (blaue Jacke) und Thomas Holzinger (mit Sonnenbrille) am Erfurter Hauptbahnhof.

Weitere Infos zu Letzteren hier: http://akweimar.blogsport.de/2015/01/22/naziouting-in-weimar/ und hier: https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com/2016/04/01/vip-schild-security-zieht-vor-gericht-weitere-neonazi-verbindungen-veroffentlicht/

Die Thüringer Funktionäre von Die Rechte, Enrico Bicysko und Michel Fischer, beide bekannt als Neonazis und Hooligans, sind führende Köpfe und Repräsentanten beim Volksgemeinschaft e.V. und wirken bei internen wie öffentlichen Veranstaltungen mit.

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Bild: Michel Fischer, in „Die Rechte“-Kluft, inszeniert eine Spendenannahme im Rahmen des völkischen „Familienfestes für deutsche Familien“ am 30.7.2016 am Volksgemeinschaft e.V.

Der Volksgemeinschaft e.V. ist somit ein Verein und Treffpunkt militanter Neonazis, vernetzt mit bundesweiten Strukturen. Es ist ein Ort, an dem Parteien wie Die Rechte, die mit u.a. Christian Worch sowohl in personeller Verbindung zum NSU stehen, als auch politisch die angeklagten NSU-Mitglieder und -helfer unterstützen, Raum für ihre Propaganda und für die Rekrutierung ihres Nachwuchses gewinnen. Hierfür dienen auch die unregelmäßig dort stattfindenen Nazikonzerte (https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com/2016/02/03/neonazi-konzert-bei-der-erfurter-volksgemeinschaft/). Der ohnehin bescheidene Thüringer Landesverband von Die Rechte scheint glücklicherweise aktuell wieder zu zerfallen. Genauso sind die Nutzungsmöglichkeiten der Volksgemeinschaft-Räume wohl durch baurechtliche Auflagen eingeschränkt worden. So schäbig die Räumlichkeiten des Vereins im Erdgeschoss des baufälligen Einkaufszentrums in der Stielerstraße erscheinen mögen und so unfähig die Protagonisten in Sachen politischer Organisierung, Rhetorik und Kaschierung ihrer gewaltsamen Agenda auftreten — das Projekt eines faschistischen, völkischen Sozialzentrums in einem strukturschwachen Randviertel Erfurts muss als Modellprojekt neuer rechter Strategien verstanden und ernstgenommen werden. Die dortigen Nazis versuchen sich unter anderem durch Beratungsangebote für Eltern von Jugendlichen, die Drogen konsumieren, durch Veranstaltungen zum Thema Strom sparen oder durch die kurzzeitige Anerkennung als GLS-Paketannahmestelle (http://peter-nowak-journalist.de/tag/volksgemeinschaft-erfurt-e-%C2%A0v/) als anwohner*innenfreundliche Kümmerer zu profilieren.

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Bild: Völkisches Familienfest von „Die Rechte“ beim „Volksgemeinschaft e.V.“ am 30.7.2016

In Erfurt-Herrenberg wohnen Tausende Menschen auf engem Raum in Plattenbauten. Wenn der Kaufland abends schließt, sind die einzigen sozialen Räume im Viertel die langjährige Nazikneipe „Kammwegklause“ (https://kammwegklause.noblogs.org/) und der Volksgemeinschaft e.V.. Das örtliche Stadtteilzentrum bietet nur teilweise tagsüber einen Raum zum Zusammenkommen oder für nachbarschaftliche Aktivitäten. Wer abends ein Bier trinken oder Musik hören will, hat die Wahl zwischen den eigenen vier Wänden und den Nazizentren. In dieser Leere sozialer Angebote fällt es den Nazis nicht schwer, sich in typischer Manier rechter Parteien mit einem Grillnachmittag und einer Hüpfburg erfolgreich als Kümmerer zu inszenieren.

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